Wieso wir Deutschland ablehnen. Eine Kritik der Nation.

Für manche_n Leser_in mag es ungewöhnlich erscheinen, warum wir Deutschland und die Fußballeuropa/-nationalmeisterschaft überhaupt doof finden. Unsere Meinung dazu wollen wir euch hiermit nahebringen. Um das zu verstehen, müssen wir uns die Wirkungsweise und Notwendigkeit von Staat und Nation im Kapitalismus anschauen.

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein bürgerlich kapitalistischer Staat. Alle Bewohner_innen, welche als solche über den Besitz eines deutschen Passes definiert werden, werden von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung als „Deutsche_r“ anerkannt, und bilden somit die Mitglieder_innen der deutschen Nation.
Nationalstaaten entstanden in der Zeit der Industrialisierung, um einen zirkulierenden Markt zu schaffen, also zur Errichtung der nationalen Wirtschaft. Das Nationalstaaten ein Produkt der Industrialisierung sind, kann zum Beispiel an der Gründung des deutschen Kaiserreichs nachempfunden werden. So wurde bereits vor der Reichsgründung der Deutsche Zollverein gegründet, der für einen gemeinsamen Binnenmark und somit zu einer besseren ökonomischen Vernetzung führte. Um diesen Markt aufrechtzuerhalten und um Bedingungen zu schaffen, in denen die kapitalistische Produktionsweise funktioniert, schafft der Staat einen politischen, rechtlichen und strukturellen Rahmen. Er sorgt dafür, dass Menschen, die im Besitz von Produktionsmitteln (z.B. Fabriken, Maschinen, Agrarflächen) sind, mit anderen Menschen zusammentreten können, die keine Produktionsmittel besitzen und deswegen auf den Verkauf ihrer Arbeit angewiesen sind. Zum geordneten Ablauf dieses Prozesses ist ein Staat von Nöten, der über das Gewaltmonopol verfügt. Das heißt, er kann Gesetze erlassen, Personen, die gegen diese Gesetze verstoßen, verfolgen und strafrechtlich zur Rechenschaft ziehen. Des weiteren sorgt der Staat für eine dauerhafte Konkurrenz zwischen den Produktionsmittel besitzenden Firmen und Unternehmen, indem er mit Hilfe des Kartellgesetzes der Monopolbildung vorbeugt, um dauerhaft steigende Produktivität des nationalen Marktes und die Häufung (bedeutet?)von Kapital zu gewährleisten. Gleiches gilt für den Rest der Bewohner_innen des Staates, die ihre Arbeitskraft auf dem Markt verkaufen müssen, um überleben zu können. Der Staat achtet darauf, dass diese Menschen zum Beispiel keine Eigentumsdelikte (beispielsweise Diebstahl) begehen, und sich somit nicht teilweise den Spielregeln des Marktes entziehen können. Dadurch wird die Aufrechterhaltung der Besitz- und Produktionsverhältnisse gesichert. Außerdem müssen die Arbeitnehmer_innen dauerhaft um ihren Arbeitsplatz kämpfen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen sich die Arbeitenden weiterbilden z.B. durch ein Studium etc. , um dann einen Arbeitsvertrag bei einem/einer Arbeitgeber_in zu unterschreiben, bei dem/der ihnen dann letztendlich Inhalt und Art und Weise ihrer Arbeit vorgeschrieben werden. Sie stehen also auch untereinander in Konkurrenz um Jobs, Geld, Schulnoten, etc. Und warum heißt es eigentlich „Arbeitnehmer“, wenn mensch doch eigentlich derjenige ist, der den ganzen Tag arbeitet? Wie mensch sieht, konkurrieren im Kapitalismus also eigentlich alle Beteiligten miteinander, mit dem einzigen Ziel der Profitmaximierung. Das Ziel der Arbeit ist also nicht Bedürfnisbefriedigung der Bürger_innen, sondern der Anhäufung von Geld. Dadurch macht die Arbeit keinen Spaß und sorgt für Stress, da wesentlich mehr gearbeitet wird, als eigentlich von Nöten wäre.
Und die Nation?

Die Nation wird zur Schicksalsgemeinschaft der in ihr lebenden Menschen erklärt. Das hat zum einen ganz konkrete Auswirkungen, so konkurrieren auch die unterschiedlichen Nationalökonomien untereinander. Wenn es also einer Nationalökonomie schlecht geht, dann haben weniger Menschen genug Geld, um sich Miete, Essen, Luxus usw. zu leisten.

Daneben wirkt die Nation irrational auf der Gefühlsebene. Im immer währenden Konkurrenzkampf wünschen sich die Menschen ein Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl. Diese Zusammengehörigkeit soll ihnen die Nation bieten. Sie redet die gesellschaftlichen Umstände schön und ordnet alle Menschen einem nationalen Kollektiv zu. So definiert der Besitz eines Passes Menschen zwangsweise einer Nation zu, meistens entspricht diese dem Geburtsland. Nach nationalistischer Vorstellung ziehen alle Gesellschaftsschichten dieser Nation, die eine Schicksalsgemeinschaft bilden sollen, für die Nationalökonomie an einem Strang. Denn geht es der Nation gut, muss es ja auch dem in ihr inbegriffenem Individuum besser gehen, richtig? Es werden also die Unterschiede, die es in einer Gesellschaft gibt negiert und es wird eine Gemeinschaft konstruiert, in der es keine gibt. Diese konstruierte Gemeinschaft trittt insbesondere zu sportlichen Großereignissen zu Tage. Dort wird die Nation gefeiert und es ordnen sich (fast) alle in das nationale Kollektiv ein. Diese Gemeinschaft definiert sich durch die Abgrenzung nach Außen, dass heißt alle die nicht als Deutsch definiert werden gehören nicht dazu. Es zeigt sich, dass dieser Art der Gemeinschaft ein destruktives Wesen innewohnt. (Adorno)

Bei Europa-, Weltmeisterschaften, oder anderen Wettkämpfen, in denen die Nationen gegeneinander antreten, wird diese Identifizierung mit dem Nationalkollektiv frei zur Schau gestellt. All die, die sonst im dauerhaften Konkurrenzkampf miteinander stehen, können zusammen auf den Straßen oder zuhause, beim gemeinsamen Public Viewing feiern, Bier trinken und jubeln, wenn „wir Deutschen“ ein Tor schießen. In diesem nationalen Freudentaumel finden Nazis und Rassist_innen ein Klima vor, in dem ihre Weltanschauung akzeptiert wird. Dies artet auch mal in Hitlergrüßen und Sieg-Heil-Rufen (beispielsweise beim EM-Spiel Deutschland-Ukraine) aus, welche oftmals von der Polizei und anderen Fans, auch denen, die glaubhaft ein Problem mit Nazis haben, geduldet werden. Dabei bleibt es nicht nur bei Gesten und verbalen Äußerungen, sondern auch gewalttätige Übergriffe auf vermeintliche Linke und Migrant_innen nehmen während der internationalen Wettbewerbe zu. Bereits bei dieser EM kam es zum Beispiel zu Schüssen auf einen dunkelhäutigen Deutschen mit einer Schreckschusspistole. Der Rest der Patrioten_innen begnügt sich damit „Flagge zu zeigen“ und sich und alles was ihnen lieb ist in schwarz-rot-gold zu dekorieren. Menschen, die bei diesem Nationalhype nicht mitmachen, werden oftmals nicht verstanden, und ihr Desinteresse bzw. ihre Ablehnung lächerlich gemacht.

Aufgrund der Schaffung dieses nationalen Kollektivs mit seinen Auswirkungen, lehnen wir es strikt ab.


Patritotismus ist keine Alternative. Auch nicht im Fußball

Schon heißt es wieder Schlaaand!

Fußball-Deutschland fiebert mit der deutschen Nationalmannschaft zur EM 2016 in Frankreich. Bereits jetzt wird dem DFB-Team gehuldigt und mensch ‚philosophiert‘ mit anderen patriotischen Gesinnungsfreunden bei 7-35 Bitburgern über Fussball. Bei ‚gesundem Nationalbewusstsein‘ wird die Fanmeile bis zum letzten Platz aufgefüllt und jedes Teil am Körper in Schwarz-Rot-Gold umgewandelt. Unternehmen nehmen dies zum Anlass ausschweifender Werbeideen. Aber dazu später mehr.

WM 2014
Schauen wir noch einmal zwei Jahre zurück: Weltmeisterschaft in Brasilien. Ein perfektes Beispiel dafür, wie die deutsche Aufmerksamkeitsspanne beschaffen ist. Während medial die Favelas und deren soziale Lage kurz angesprochen werden (natürlich nur in dem einen WM-Monat), sieht der/die ZuschauerIn nur eine potentielle Bedrohung des Fußballabends. Natürlich gibt es auch ‚tolle‘ ‚Unterstützung‘ durch ehemalige deutsche Fußballprofis, die sich für zehn Minuten mit Jugendlichen beim Kicken Knipsen lassen, um mal ihre soziale Seite zu zeigen. Währenddessen machen Poldi und Co. erstmal Fotos mit dem brasilianischen Militär. Danke dafür! Fünf Minuten mal kurz hingehört, welche sozialen Kämpfe in Brasilien bestehen und dann schnell noch die Bratwürste umgedreht. Den Werbehit lieferte Sixt: Unter dem Motto ‚Der Sixt WM-Tipp: Ghana-das könnte eng werden‘ wurde einem auf hochglanzpolierten Mercedes-Benz ein dreckiger, vollgepackter Geländewagen mit mehreren Menschen an den Seiten gegenübergestellt. Aber auch in der Wahrnehmung des Spiels an sich zeigt Fussball-Deutschland wo es steht. Wenn es zum Beispiel Brasilien gegen Deutschland heißt, dann wird daraus schnell das Duell des ‚exotischen, extravaganten Dribbelkünstlers‘ gegen den ‚fleißigen, ausgeglichen Teamspieler‘.

Deutsche Fussballleitkultur: Bier, Würste und gepflegtes Scheiße labern
Genau diese Betrachtungsweisen machen die EMs und WMs medial, vor den Fernsehern und auf der Fanmeile zu hochgradig politischen Veranstaltungen. Rassismus und Nationalismus sind fester Bestandteil des sportlichen Überlegenheitsgefühls. Ein Tor gegen Deutschland wird wie eine Kriegserklärung wahrgenommen, weshalb Mario Balotelli 2012 Ziel vieler rassistischen Anfeindungen war. Während im Taumel schwarz-rot-goldener Begeisterung alle Alltagsprobleme über Bord geworfen werden, scheint die Solidarität der Nationalfarbenträger untereinander schier grenzenlos zu sein. Rassismus wird dabei häufig als ‚Witz‘ wahrgenommen beziehungsweise gar nicht als Rassismus identifiziert. Dabei ist auch nicht die Rede von ‚einzelnen Leuten die mal übers Ziel hinausschießen‘ sondern von der erzeugten Grundstimmung, die nicht vorurteilslegitimierend, sondern -befördernd ist. Verwundernd ist dabei nur, wie es Menschen verwundern kann, dass es Hitlergrüße auf Fanmeilen gibt. Liegt daran, dass medial Fanmeilen als Teil des bunten Deutschlands gesehen werden, bei dem vor jedem Spiel ein/e AnhängerIn von je einem der beiden Teams lachend zusammen vor der Kamera posieren. Dies täuscht aber über die tatsächliche Grundstimmung hinweg. Von unpolitischen Veranstaltungen kann keine Rede sein.

Was sagen eigentlich Nazis zum EM-Fieber?
Natürlich bietet sich Nazis innerhalb eines Monats die Möglichkeit gesellschaftlich noch weiter Anknüpfung zu finden. Bis zu 31 Tage in denen es um ihr geliebtes Deutschland geht, wenn auch das Fahnenmeer noch weitere schwarz-weiß-rote Elemente ihrer Meinung nach vertragen könnte. Dennoch zeigen sich Nazis nur bedingt begeistert: Die ‚Identitären‘ halten den ‚Partypatriotismus‘ für weniger förderlich, weil er ihre Forderungen ‚entpolisiert‘. Die Hoffnung, dass auch nach der EM eine breite Masse völkisch auftritt sehen sie als unwahrscheinlich, wobei sich (nicht zwingend durch die EM) dies doch deutlich zeigt. Dennoch muss deutlich gemacht werden, dass Nazis die EM nicht ‚missbrauchen‘, sondern genau in dieses Klima reinpassen, das bei Fanpartys herrscht. Hier können sie trotz gewisser inhaltlicher Differenzen, zum ‚bunten‘ Deutschland ihre Vaterlandsliebe ungehemmt zeigen. Hitlergrüße sind kein Problem, so wurden bereits beim ersten Spiel mit Deutscher Beteiligung dieser EM in Berlin Hitlergrüße dokumentiert. Die Nazis müssen sich keine Sorgen machen, hierfür gesellschaftlich geächtet zu werden.

Feststeht: Das nationale Klima hat Aufwind und nach ‚Weihnachten mit PEGIDA‘ kommt vielleicht auch noch ‚Fussball mit PEGIDA‘. Die Fanutensilien sind immerhin auf beiden Veranstaltungen gern gesehen. Es liegt an Antifaschist*innen den nationalen Freundentaumel als das zu entlarven, was er ist: Nämlich das Zusammenfinden von Nazis und besorgten BürgerInnen, arbeitenden Menschen und Menschen die von deren Arbeit profitieren. Als Wunsch nach Gemeinschaft im Rahmen der Nation. Darüber gilt es aufzuklären, zu protestieren und die Misstände zu dokumentieren.

Patriotismus ist keine Alternative. Auch nicht im Fussball.